02. Juli 2013

Air Conflicts: Vietnam wagt sich in sehr fragwürdiges Terrain

Es gibt Themen, von denen sollte sich ein Videospiel fernhalten oder sich ihnen zumindest auf so spitzen und gefühlvollen Zehen nähern, dass dem Spieler die Tragweite dessen, was er gerade spielt, zumindest im richtigen Kontext vermittelt wird. Auf einer semantischen Ebene wird bis heute diskutiert, ob der Einsatz des dioxinhaltigen Entlaubungsmittels Agent Orange chemische Kriegsführung und damit ein offizielles Kriegsverbrechen war. Es dürfte jedoch eindeutig sein, dass es nicht im Sinne der vietnamesischen Zivilbevölkerung war, große Teile des Landes mit einem Giftstoff zu besprühen, der selbst in der dritten Generation nach dem Krieg noch für furchtbare Fehlbildungen, erhöhte Krebsraten und andere Leiden sorgt. Ganz davon abgesehen, dass die sehr langlebigen Giftstoffe bis heute im Nahrungskreislauf des Landes unterwegs sind. Weite Teile der von der Vernichtung der ursprünglichen Wälder betroffenen Gebiete sind nicht wieder aufzuforsten, wurden sie durch Erosion und Gifte doch unbenutzbar. Und durch die aus diesen Gebieten zwangsläufig eingesetzte Flucht der Landbevölkerung in die Städte sind Millionen-Slums entstanden.

Denkt daran, wenn ihr in Air Conflicts: Vietnam zu den Missionen kommt, in denen ihr in der Rolle des US-Piloten Joe Thompson, Agent Orange versprühen sollt.

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Auch dieses Bild erinnert eher daran, dass heftige Kollateralschäden sehr oft in Kauf genommen wurden.

Gerade eine Flugsimulation kann sich normalerweise relativ elegant aus diesem Spannungsfeld zwischen Unterhaltung und sehr harter Realität heraushalten.

Gerade eine Flugsimulation kann sich normalerweise relativ elegant aus diesem Spannungsfeld zwischen Unterhaltung und sehr harter Realität heraushalten, indem es den Krieg als „sauber" inszeniert. Nur gegnerische Flugzeuge werden getroffen, militärische Ziele präzise bombardiert und zivile Verluste unmöglich gemacht oder mit Neustarts einer Mission geahndet. Air Conflicts: Vietnam möchte dagegen in einer dramatischen Handlung auch die dunklen Seiten dieses Krieges zeigen, nur bin ich nicht sicher, ob es dazu in angemessener Weise in der Lage ist. Oder zumindest überzeugt der Werbespruch „Im Kampf kann es nicht nur Gewinner geben! Lass dich von einer fesselnden und emotionalen Story mitreißen und erlebe, neben heroischen Momenten, auch die dunklen Seiten des Krieges." noch nicht so richtig.

Rockige 70er-Musik unterstreicht den gespielten Teil, eine normale Mission mit ein paar Dogfights und der Bombardierung von Munitionslagern. Statt „Platoon in der Luft" kommt eher „Flight of the Intruder"-Stimmung auf - nicht das 1990er Spiel, sondern der reaktionäre 1991er Action-Streifen. Das ist für ein sowieso eher Arcade-lastiges Flugspiel völlig in Ordnung und auch ziemlich genau, was ich erwarten würde. Eigentlich will ich die Realität des Krieges verklärt sehen, wenn ich so etwas spiele. Ich will unterhalten werden. Normalerweise. Ich hab nichts dagegen, wenn ein Spiel sich etwas so Kompliziertem wie Anti-Kriegs-Thematiken nähern möchte. Nur gelingt es selten und dann braucht es wie im Falle von zum Beispiel Spec Ops: The Line viel Zeit und Feingefühl. Ich lasse mich hier gerne hier eines Besseren belehren, sobald Air Conflicts: Vietnam erscheint und ich alles gesehen habe, nur ... nein, ich denke nicht, dass das Spiel das Zeug dazu hat.

Action jenseits des Grübelns

Schade, dass es diesen unbequemen Weg überhaupt einschlagen möchte. Air Conflicts: Vietnam sieht als Action-Simulation sonst gut aus und spielte sich die halbe Stunde, die ich mit ihm hatte, ausgesprochen gut. Die Einsatzgebiete waren vielleicht etwas klein, ständig wurde ich daran erinnert, dass ich das Gebiet verlassen würde, was gerade während eines Dogfights nicht ganz so gut ankam. Aber dafür war die Bodentopografie detailliert ausgearbeitet, Hügel und Flüsse zogen sich durch hier immer noch malerisch dichte Wälder und Wolken- und Nebel-Bänke sorgten immer wieder mal für den einen oder anderen Überraschungsmoment der „Oh, so nah ist der Berg?"-Sorte.

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Die Dogfights spielten in der Realität keine so große Rolle, die Luftüberlegenheit der US-Armee war mehr als deutlich.

Die Steuerung liegt ungefähr auf dem Niveau des damals revolutionären Strike Commanders, nur mit dem Unterschied, dass Mitte der 90er noch das Hardcore-Flug-Sim-Genre regierte und heute ein Air Conflicts schon fast zu den komplexeren Fliegern zählt. Grundsätzliche Gegebenheiten der Flugphysik sind berücksichtigt, wobei Unerfahrenen der Strömungsabriss schnell geläufig werden dürfte, wenn man zu hektisch an den Bergflanken hochzieht. Wie gut sich die Einzelnen der etwa 20 Flugzeuge und Hubschrauber der Zeit unterscheiden und ihre Eigenheiten ausspielen, wird sich beim Test zeigen.

Es war, als wäre die Reagan-Ära der cineastischen Vietnam-Aufbereitung nie ganz vergangen.

Vor allem die Hubschrauber sind alles andere als alltäglich und positive Erinnerungen an Gunship 2000 wurden schon wach, als man mit einem Huey eingeschlossene Soldaten aus ihrer misslichen Lage befreien sollte. Schnell und tief heranrauschen, aufsetzen und wieder weg, dazu die Rockmucke, es war, als wäre die Reagan-Ära der cineastischen Vietnam-Aufbereitung nie ganz vergangen. Schon geil und nach den Überlegungen eben mit ein paar Gewissensbissen gewürzt, dass man es eben so geil findet.

Der Wingman, meine Waffenreserve

In den Aufträgen seid ihr selten allein unterwegs. Beim Anspielen waren jeweils drei Wingmen an meiner Seite und jederzeit konnte ich entweder freiwillig in eines der anderen Flugzeuge wechseln oder wurde automatisch nach einem Absturz oder Abschuss dorthin versetzt. Sollte euch die realistisch begrenzte Munition ausgehen, hofft ihr einfach, dass die KI nicht zu ballerwütig war und noch genug an Bord ist, um mit einem der Begleiter das Ganze zu einem siegreichen Abschluss zu bringen. An Missionen soll es keinen Mangel geben, Multiplayer wird natürlich in noch eher undefinierter aber ausreichender Menge vorhanden sein und auch sonst wirkt qualitativ fast alles unkritisch bei dem Titel.

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Die Hubschraubereinsätze haben das größte Potenzial, da ihr immer nah und direkt in das Zentrum des Geschehen müsst.

Wenn ich denn nur nicht - so auch auf Nachfrage bestätigt - an mindestens einem Punkt im Missions-Briefing dazu aufgerufen werden würde, etwas zu tun, was meinem eigenen Verständnis weit jenseits „normaler" Kriegsführung liegen würde, dann wäre Air Conflicts: Vietnam wirklich nach akteller Einschätzung eine sichere Sache. Saubere Technik, ein sicher arcadiges, aber doch immer noch ausreichend komplexes Flugmodell, Variationen innerhalb der Missionen und Hubschraubereinsätze ergeben ein positives Bild. Dieser Action-Simulator macht Spaß. Wie viel Spaß ich am Ende haben werde, nachdem die gewissen Missionen durch sind, wird sich zeigen. Wenn ich gesehen habe, wie das Spiel mit dieser schwierigen Thematik umgeht, ob es ihr gerecht werden kann und wie umfangreich dieser Punkt überhaupt ausfällt, wird mitentscheiden, ob Air Conflicts: Vietnam überzeugt. Das Spiel macht es sich an diesem Punkt selbst schwer. Ich bin sehr gespannt.

Quelle: Eurogamer.de

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