23. April 2014

Wie ich mich in Watch Dogs' Minispielen verlor

Chicago brennt. Mein gepanzerter Oldtimer pflügt über den rissigen Asphalt, die brennenden Schädel hunderter Dämonen knirschen unter den Reifen, gelegentlich platzt ein Gulli auf der Straße und spuckt einen kochenden Geysir in die Luft. Das Carmageddon dauert mehrere Minuten und macht wahnsinnig Spaß. Wieder ein Grund, die Handlung von Watch Dogs links liegen zu lassen.

Dabei tickt die Uhr. Gemeinsam mit Kollegen sitze ich vor den Bildschirmen bei Ubisofts Veranstaltung in Paris, den DualShock-4-Controller in der Hand, das Hacker-Epos auf dem Schirm. Es ist mein erster Kontakt mit dem Spiel, das ich auf den ersten Blick als GTA V mit etwas besserer Grafik beschreiben würde. Dessen Held Aiden Pearce ist freilich kein simpler Gangster, auch wenn er oft mit der Polizei aneinander gerät. In kurzen Traumsequenzen und während eurer Einsätze erfahrt ihr mehr über seinen Rachefeldzug, der mit dem Schicksal seiner Familie zu tun hat. Ein bisschen Batman, ein bisschen Matrix, ein bisschen Anarcho-Schick. Und reichlich Drama.

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Spinnenpanzer? Dämonische Invasionen? Alles machbar dank virtueller Drogentrips.

Ins Detail soll hier natürlich nicht gegangen werden - Spoiler und so - aber Multiple Enden werde es nicht geben, verrät Story Designer Kevin Shortt. "Ich persönlich mag sie nicht. Damit verschiedene Enden in ein Spiel passen, muss man die Geschichte meist zu sehr verwässern. Hinterher sprechen die Leute dann nur darüber, welches Ende sie gesehen haben und schauen sich die anderen auf Youtube an. Dabei kann man doch schon ein und dasselbe Ende unterschiedlich interpretieren - wie bei einem Gemälde, das für jeden Betrachter eine andere Aussage hat."

Egal welchen Verlauf die Handlung in Watch Dogs nimmt, der Held hat mehr als nur ein paar Ecken und Kanten. Rache und Selbstjustiz bestimmen den Alltag Aidens. Mit Schmackes verprügelt er Kleinkriminelle, die er dank seiner Hackerfähigkeiten auf frischer Tat ertappt. Oder er plündert die Konten unschuldiger Mitbürger und klaut ihre Autos. Was immer ihr wollt. Wundert euch dann nur nicht, wenn die Passanten euch bei der Polizei verpfeifen, statt dem vermummten Verbrechensbekämpfer zuzujubeln. Beides beherrschen die simulierten Bürger, und mehr.

Haltet den Hacker!

Mir rutschte zum Beispiel ein paar Mal der Daumen aus und ich zog aus Versehen meine automatische Waffe aus dem Jackett. Ein Passant sah das Missgeschick und wählte den Notruf - worauf bei mir eine Warnung ins Bild ploppte. Es gelang mir gerade noch rechtzeitig, dem Mann das Telefon aus der Hand zu schlagen. Andernfalls hätte ich Besuch von den allgegenwärtigen Cops bekommen, die sich erstaunlich schwer abschütteln lassen. Die Ordnungshüter schienen mir insgeheim einen GPS-Sender verpasst zu haben. Da konnte ich mich von Hinterhof zu Hinterhof schleichen und ins Gebüsch ducken wie ich wollte - nach wenigen Sekunden kurvten die Streifenwagen wie hingezaubert um mein Versteck herum.

Das Fahrmodell der Autos machte die Flucht vor der Justiz leider nicht einfacher - die Wagen steuerten sich insgesamt zu schwammig für meinen Geschmack und das Fahrgefühl kam nicht recht an die Spritztouren durch Los Santos heran. Auch optisch setzt sich der Titel nicht ganz gegen inFamous: Second Son durch. Dafür verhalten sich die Bewohner der Stadt recht lebensnah. Viele telefonieren, manche hängen ab, gehen einkaufen oder unterhalten sich, reagieren natürlich auf ihre Umgebung und euer Verhalten. Man merkt, dass die Macher hier einigen Aufwand betrieben haben, um jeden Bürger individuell wirken zu lassen.

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Tabakindustrie? Na warte, Freundchen! Dein Konto gehört mir!

Martin hatte Watch Dogs vor einem Jahr schon recht ausführlich unter die Lupe genommen. Wirklich viel Neues sah ich beim kurzen Testspiel in Paris nicht. Die erste Mission macht mit der Steuerung vertraut und den Hack-Fähigkeiten Aidens, während dieser aus einem vollen Stadion entkommen muss, ohne von der Polizei erwischt zu werden.

Ein Gebäude nur über das Hacken von Kameras zu infiltrieren, ohne einen Fuß hinein zu setzen, ist nur einer von Aidens eindrucksvollen Tricks. Er kann Bösewichte per explodierender Leitungen ausschalten, ihre Mobiltelefone als Ablenkung klingeln lassen, bei Verfolgungsjagden die Ampeln manipulieren oder im Notfall dem ganzen Bezirk den Saft abdrehen. Er erfährt über Einblendungen allerlei über seine Mitmenschen, belauscht Telefonate, knackt Autos, steuert Gabelstapler aus der Ferne und benutzt ihre Ladeflächen als Plattform, mischt gelegentlich Gangs auf und beobachtet arglose Bürger mittels ihrer Webcam in der Wohnung. Chicago ist ein riesiger Spielplatz und Aiden hat dank seines Smartphones den Zauberstab, um darin Wunder zu vollbringen - im Namen der Gerechtigkeit, des Mammons oder 'just for the lols'.

Dass man auch abseits der diversen Heldentaten viel Spaß in der Stadt haben kann, wurde mir beim Blick auf die Übersichtskarte klar. Dutzende Symbole weisen euch den Weg von Attraktion zu Attraktion - Los Santos lässt grüßen. Besagte Kamikazefahrt aus der Einleitung ist zum Beispiel Teil der 'Digitalen Trips', die man sich bei standesgemäß herumlungernden Dealern kauft. Neben dem 'Madness-Trip' durch die dämonische Parallelwelt, dürft ihr euch auch hinters Steuer eines virtuellen Spinnenpanzers schwingen und nach Herzenslust Autos, Passanten und Polizeikräfte aufmischen. Rein virtuell versteht sich.

Das Gefährt wurde erstaunlich detailliert ausgearbeitet. Der stählerne Titan klettert Wände hoch, ist mit einem Maschinengewehr und einem Raketenwerfer bestückt und kann mit den gepanzerten Gliedmaßen kräftig austeilen. Ziemlich hoher Designaufwand für ein Minigame, das nur ein paar Minuten Zeit totschlagen soll. Das sei der Vorteil, wenn an einem Spiel weltweit zur gleichen Zeit durch verschiedene Teams gearbeitet werde, erzählt Animation Director Colin Graham. Die digitalen Trips seien vom Team in Paris entworfen worden, viele der vorhandenen Modelle hätten sie völlig umgemodelt und für ihre Zwecke benutzt.

"Da hat man dem Team alle Freiheiten gelassen, schließlich handelt es sich bei den Trips um eine virtuelle Simulation. Das kommt dem sonstigen Realitätsbezug des Spiels nicht in die Quere. Aber ihr hättet einmal die aufgeregten Kommentare lesen sollen, die wir wegen des Trailers bekamen, weil auf zwei Frames dieser Spinnenpanzer zu sehen war", schmunzelt Graham.

"Ihr hättet einmal die aufgeregten Kommentare lesen sollen, weil auf zwei Frames im Trailer dieser Spinnenpanzer zu sehen war"

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High-Tech-Schummelei: Aiden guckt anderen per Überwachungskamera in die Karten.

Die Parallelen zu Grand Theft Auto sind damit nicht erschöpft. Es gibt zahlreiche andere Minispiele in Watch Dogs - freilich alle mit einem besonderen Hacker-Twist. Da trifft man sich mit ein paar Typen zu einer Partie Poker und kibizt in ihre Karten mit Hilfe der Überwachungskamera oder analysiert ihre Mimik. Oder man erwischt den Hütchenspieler beim Schummeln dank der Zeitlupensicht im Konzentrationsmodus. Einmal hüpfte ich durch ein Augmented-Reality-Spiel, bei dem ich wie ein Cyberpunk-Mario mannshohe Münzen auf der Straße einsammeln sollte, ohne riesige Totenkopfblöcke zu berühren. Oder ich beschoss virtuelle Aliens mit einer Strahlenkanone - vermutlich sehr zur Verwirrung umstehender Passanten. Schachprobleme werden in einem anderen Minispiel gelöst, während ihr euch beim Trinkspiel im wahrsten Sinne des Wortes die Kante gebt. Es würde mich nicht wundern, wenn so mancher Spieler die Haupthandlung nie beendet, weil er sich unterwegs im Sandkasten verliert. Wäre nicht das erste Mal, dass ein Spiel derartiges bewerkstelligt.

Auge um Auge, Hack um Hack!

Die Mehrspielermodi von Watch Dogs erinnerten mich ebenfalls stark an die Onlinevariante von GTA V. Da gibt es Rennen zu fahren oder ihr treibt euch mit anderen Spielern in Chicago herum und ballert aufeinander. Interessant wurde es, als ich einen Passanten scannte und erfuhr, dass dieser erst kürzlich von einem anderen Hacker heimgesucht wurde. Das öffnete eine Mehrspieler-Mission, bei der ich mich in das Spiel eines Kollegen "hineinhacken" durfte. Alternativ hätte ich den Mehrspielereinsatz über die Übersichtskarte starten können.

Man wird für die "Invasion" in die Nähe eines anderen Hackers versetzt, der gerade in Chicago unterwegs ist. Die Aufgabe lautet, ihn zu scannen und dann in seiner Nähe zu bleiben, um Daten zu klauen. Sobald der Prozess beginnt, wird der andere Spieler gewarnt und es erscheint bei beiden Kontrahenten ein Kreis auf der Minikarte, der sich langsam zusammenzieht. Der hackende Spieler muss innerhalb des Kreises bleiben, während der 'Gehackte' ihn durch eigene Scans aufspüren und eliminieren muss, bevor dir Uhr abläuft.

Der Clou daran: Für den Feind erscheint der Hacker immer als Passant. Der Rest ist eine Frage der Taktik. Versuche ich mich zu verstecken und wecke dadurch Argwohn, weil kein NPC sich hinter eine Bodenvase ducken würde? Mische ich mich unters Volk und riskiere durch einen Scan ertappt zu werden? Knacke ich ein Auto und ducke mich in dessen Fußraum, bis der Countdown abläuft? Am Ende bekommt der Sieger ein paar Punkte gutgeschrieben für das Spiel, Abzüge gibt es keine. Man kann diese "Invasionen" auch im Optionsmenü unterbinden, doch ich fand die Idee sehr erfrischend. Ich bin gespannt, ob die Entwickler noch mehr Mehrspielermodi in dieser Richtung aus dem Ärmel ziehen.

Quelle: Eurogamer.de

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